Arbeitsamt und Ochsenkopf
Gormann- und Rückerstrasse

Parallel zur Kleinen Rosenthaler verläuft die Gormannstraße, sie verbindet die Rosenthaler mit der Wilhelm-Pieck-Straße. 1699 angelegt, hieß sie bis 1867 Laufgasse. Die Verbreiterung durch die Zurücklegung der beiderseitigen Baufluchten im selben Jahr aber rechtfertigte die Bezeichnung Straße. 1892, als der Verkehr in den Straßen der Spandauer Vorstadt erheblich zugenommen hatte, insbesondere in der Rosenthaler, debattierte man die Verlängerung der Gormannstraße bis zur Lothringer, der heutigen Wilhelm-Pieck-Straße, um eine neue Zugangsstraße zum Stadtkern zu schaffen. "Bei der lebensgefährlichen Passage durch die Rosenthaler Straße werde es jedenfalls vielfach vorgezogen werden, den überdies kürzeren Weg durch die Gormannstraße zu nehmen."
Ab 1902 wurde die Gormannstraße, die bis dahin sicher nicht allzuviele kannten, populär: Immer mehr Menschen suchten den Zentralen Arbeitsnachweis auf, der auf dem ehemaligen Friedhofsgelände erbaut wurde. Bis dahin gab es keine zentrale Arbeitsvermittlung, die Arbeitsuchenden studierten täglich die Anzeigen, um sich dann persönlich in den Betrieben vorzustellen. Diese Prozedur war oft nicht nur entwürdigend und eher einem Kuhhandel ähnlich, sondern förderte auch das Gegeneinander-Ausspielen der Arbeiter und Lohndrückerei. Schließlich setzten die Gewerkschaften ihre Forderung nach einem von der Stadt unterstützten paritätischen Arbeitsnachweis durch. Im November 1902 erhielt er ein eigenes Gebäude. Doch der dem Ersten Weltkrieg auf dem Fuße folgenden Inflation und ständig steigenden Arbeitslosigkeit konnte auch das Amt nicht Herr werden. Oder auf sehr fragwürdige Weise, wie Joseph Roth 1921 im Prager Tageblatt beschreibt: "Und bereits sind am letzten Sonnabend im Städtischen Arbeitsnachweis, Gormannstraße, mehrere junge Mädchen gegen einen Wochenlohn von hundert Mark, freier Verpflegung und Uniformierung für die reizende Beschäftigung der Stiefelputzerei gewonnen worden. Die Stiefelputzer aber schrieben einen Brief an den Magistrat, sagten, daß sie sich nicht wie Hunde würden wegjagen lassen. Ihr Recht sei bitter ersessen und erputzt, Abnutzungsgebühr für die durch ihr Sitzen zerbrochenen Pflastersteine könnten sie selbst zahlen, und überhaupt diente das Stiefelputzen sechzehnjähriger Mädchen just in der Friedrichstraße nicht zur Hebung der Sittlichkeit. Auf diesen Brief ist der Magistrat eine Antwort schuldig geblieben."
In die Gormann ging man stempeln und des weiteren, angesichts der Aussichtslosigkeit, Arbeit zu finden, spielen. Fotos zeigen eine Unmenge von Spieltischen vor dem Gebäude, an denen sich die Arbeitslosen die Zeit vertrieben und mancher Betrüger einen passablen Schnitt gemacht haben dürfte. Zille, dem zu dieser Zeit schon gefeierten und verehrten Professor, war der Arbeitsnachweis als Teil des Milieus immer noch näher als die Festlichkeiten der Schickeria, und nach einer Gala meinte er nur: "Wenn ich zu bestimmen hätte, wo mein Denkmal hinkäme, möchte ich es lieber vor dem Zentralarbeitsnachweis als auf einem Ball im Sportpalast haben." Nicht viel weniger Kundschaft dürfte auch das Obdachlosenasyl gehabt haben, von den Anwohnern schlicht "das Pennerheim" genannt, das sich an der Ecke zur Mulackstraße befand. Diejenigen, die keine Bleibe hatten, bekamen dort ein Süppchen und für eine Nacht ein Bett.
Auch in die Rückerstraße, eine Parallelstraße weiter und kurze Verbindung zwischen Mulack- und Linienstraße, verirrt sich kaum einer, der nicht dort wohnt. Seit ihrer Entstehung 1699 hieß sie die Wüste Gasse, weniger wegen eines dortigen wüsten Treibens, sondern weil das Gebiet, das einst Stadtfreiheit hieß und brach lag, wirklich einer Wüstenei ähnelte. 1699 bestimmte eine Kurfürstliche Ordnung die Aufteilung in Parzellen und deren Verteilung an die Bürger gegen einen Grundzins. Die konnten dort ihre Viehställe, Häuser und Gärten anlegen und damit die Viehhaltung aus der Stadt hierher verlagern. Die ersten Bauten standen an beiden Ecken zur Mulackstraße und gegenüber dem Friedhof, an der Ecke der Linienstraße. Die schönsten Häuser der Straße waren die des Kupferschmiedes Jury - seine Nachkommen schufen die Siegesgöttin auf dem Brandenburger Tor. Eine Weile nannte man die Gasse auch Kirchhofsgasse, nach dem angrenzenden Garnisonskirchhof, und Trommelgasse - hier übten sich die Trommelschläger des Militärs. 1862 schließlich wurde sie in Rückerstraße umbenannt. Eine Schlächterei gab es hier, eine Kneipe, genannt die Rücker-Diele, die unvermeidliche Destillation auf der Ecke. Und schließlich den "Ochsenkopf". So hieß ursprünglich das alte Gewerkehaus der Berliner Schlächterinnung in der Friedrichstadt, das später zum Arbeitshaus wurde. Seine Insassen waren dort inhaftiert und mußten, meist als Strafmaßnahme nach einem Gefängnisaufenthalt, in Manufakturen arbeiten. 1758 wurde es nach dem Alexanderplatz verlegt, und der Ochsenkopf wurde, wie Gustav Rasch es Ende des 19. Jahrhunderts nennt, zum "Siechenhaus menschlichen Elends". Obdachlose,
Bettler, Prostituierte, kleine Hehler brachte man von den Polizeiwachen hierher. Das alte Gebäude an der Rückerstraße mit einer Schmiede, drei großen Hinterhäusern und einem Geflecht von Schleichwegen und Höfen war kein offizielles Arbeitshaus, aber arme Leute, an die Zimmer vermietet wurden, gab es hier genug. Deshalb nannte man die Ecke "Ochsenkopf" oder "Mulackei", ein Name, der später allgemein die Straßenzüge rund um die Mulackstraße umfaßte. Die Broncewarenfabrik und Metallgießerei Carl Legel befand sich im Hinterhaus der Rückerstr. 4. Ende der 60er Jahre sahen die Fabriketagen so viele Menschen wie noch nie, als auf der ersten Off-Bühne Ost-Berlins die "Pantomimenbühne Berlin" ihre Vorstellungen gab. Als die Truppe 1974 zum DT ging, verschwand auch das Publikum aus der Rückerstraße. Seitdem dürfte sie eine der ruhigsten Straßen des Viertels sein.
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