Zauberwort: Mischnutzung

... sind mehr als nur ein Schleichweg von der Rosenthaler zur Sophienstraße. Gewerbezentrum, Wohngebiet, seit einiger Zeit auch Dach für kulturelle Projekte und Tourismustrampelpfad. Die um die Jahrhundertwende entstandene Anlage umfaßt insgesamt acht Höfe. Nur zu logisch, daß der erste Hof, wenn man von der Rosenthaler 40/41 eintritt, auch der schönste ist mit seinen weißen und blauen Schmucksteinen, hohen Fenstern und der geschwungenen Dachlinie. Schließlich mußte er repräsentativ genug sein für Kundschaft und auch die Ballbesucher der Neumannschen Festsäle, die sich vom linken Seitenflügel bis ins Hinterhaus erstreckten und eine ziemlich vornehme Lokalität darstellten. Im hinteren, schlichteren Teil des Komplexes befanden sich unzählige Kleinbetriebe, Werkstätten und Wohnungen, spielte sich eher das alltägliche Leben der Bewohner ab, die das Ganze kurz "die Höfe" nannten. Viele der heutigen Bewohner leben schon länger als ein Jahrzehnt hier. Einer von ihnen ist Walter N., seit den 40er Jahren in den Hackeschen Höfen. Er besaß seit 1949 eine der kleinen Textilfirmen im 2. Hof, 5. Aufgang, später entstand daraus die N. + Winn KG. In den 70er Jahren wurde der Betrieb zum VEB und N. sein Direktor.
Frau N. öffnet vorsichtig die Tür. Klein, weißhaarig - mißtrauisch. Zu Recht. Auf den Vortrag meines Anliegens: "Ach wissen Se, ach nee, ach, da waren doch schon ... wissen Se, mein Mann, der is 85 und kann nich mehr so ... Da war doch schon jemand da, der ... Drescher oder so ... na, was soll ich sagen. Immer die laute Musik ... Früher, da waren oben die Büros, dann die Schneiderei. Da war um fünf Feierabend und am Wochenende Ruhe, und die Fenster wurden zugemacht. Und jetzt die offenen Fenster, daß da die Tauben kommen und die Elstern. Und da das Tanzhaus, und laute Musik und diese Leute ... Früher, da haben wir auch noch selbst das Treppenhaus saubergemacht, aber von unten bis oben, und das sah (Geste) so aus!" In einem Ton und mit einem Gesichtsausdruck, daß ich auf "Zucht und Ordnung" gefaßt bin. Hinter ihr der dämmrige Flur und der dreiarmige Deckenleuchter. Nein, Walter N. ist krank und alt, er mag nicht mehr erzählen.
Das im Krieg verhältnismäßig gering beschädigte Ensemble wurde 1981 unter Denkmalsschutz gestellt, eine Ausnahme im schon auf den Abrißplänen registrierten Gebiet. Nach der Wende schließlich gründete sich die Gesellschaft Hackesche Höfe e.V. -
Verein zur Förderung urbanen Lebens, ein Zusammenschluß aller bis dahin in den Höfen ansässigen Kulturprojekte, darunter der Sophienclub, der schon in den 80er Jahren eine ständig überlaufene Adresse für Jazz und Szenedisco war, und das Varieté Chamäleon, das seit Sommer 1990 in den schönen hohen Räumlichkeiten der ehemaligen Neumannschen Festsäle an beste Varietétraditionen anzuknüpfen sucht. Im August 1991 lag für die weitere Nutzung der Höfe ein Konzept vor, das den Erhalt der 80 Wohnungen für sozialen Wohnungsbau vorsah, außerdem neue Wohnflächen durch Dachausbau sowie Förderung und Erhalt des Sophienclubs. Mischnutzung hieß das Zauberwort, das weiterhin gelten sollte. Geplant war eine Betreibergesellschaft der ansässigen Initiativen, aber WBM und Stadt spielten nicht mit. Seit Anfang 1992 existiert statt dessen eine Koordinierungsgruppe aus Architekten, Kulturmanagern und Betriebswirten.
In den Höfen scheint sich die Situation des Viertels komprimiert widerzuspiegeln: Initiative und Ignoranz, Engagement und Resignation, Yuppies und Bürgerversammlung, Tourismus und Mietprobleme finden sich auf engem Raum nebeneinander. Einer der solventen Mieter, die IHK (Industrie- und Handelskammer), die hier seit September 1992 ein Ausbildungszentrum betreibt, gebärdete sich schon beim Ausbau ziemlich skrupellos und pfiff auf Historie, der Abriß eines historischen Fahrstuhls konnte nur durch den alarmierten Landeskonservator verhindert werden. Auch die gebietstypischen Eigentumsprobleme blieben nicht aus: Ende 1992, kurz vor der Rückübertragung von insgesamt 500 Häusern in Mitte, meldeten sich die Erben des früheren Kaufmanns Jakob Michael, eine Erbengemeinschaft, die schon für 120 andere Grundstücke (die meisten in Mitte) Rückübertragungsansprüche gestellt hatte.
Zum "historischen Erlebnispfad" wurden die Höfe im Frühjahr 1993 im Rahmen eines Kulturprojekts der Galerie Augustus und der Gesellschaft Hackesche Höfe mit dem Titel "Umbruch - Chaos und Hoffnung". Was ein interessanter Blick auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hätte sein können, reduzierte sich auf einige Tafeln mit Hinweis auf die frühere Nutzung dieser Räume, die zudem ziemlich oberflächlich Klischees bedienten (wie z.B. die "eklatante Fehlnutzung" eines Raumes als Autowerkstatt zu DDR-Zeiten), eine wenig aussagekräftige Ausstellung und die Wegweiser, nach denen Touristen wie auf Safari durch die Höfe pilgerten. An solchen Nachmittagen kann sich Burkhardt Seidemann, der die regelmäßigen Schübe vom Theaterbüro des DAT
im 2. Hof aus sieht, eine eher bissige als grimmige Bemerkung nicht verkneifen. Seidemann ist Leiter des DAT (Das Andere Theater), das seit der Eröffnung der eigenen Spielstätte, des Hackeschen Hof-Theaters, am 1. Mai 1993 dort Vorstellungen gibt. DAT, ein Pantomimenensemble ohne Senatskohle, mit dem Anspruch, ein anderes Theater, weil ohne Sprachbarrieren, zu sein, ist beileibe kein Szenefrischling. Die Geschichte des Ensembles begann 1968, ein paar Straßen weiter, in den Räumen der ehemaligen Broncewarenfabrik und Metallgießerei Carl Legel, Rückerstr. 4, Hinterhof. Seidemann: "Diese Truppe, die sich Pantomimenbühne Berlin nannte, schloß sich dem Kreiskulturhaus Mitte an, das schon damals in dieser Nummer 51 saß, man mußte damals ja immer eine Trägereinrichtung haben, die hießen so wie Hosenträger Trägereinrichtungen, und über die wurde es dann möglich, einen leerstehenden Fabrikraum in der Rückerstraße zu kriegen, der hatte einen Fußboden, der sah aus wie ein Sturzacker, und die Fenster fehlten ... Ich weiß, daß sie mächtig gerackert haben, daß sie mit ihren eigenen Händen die Wände abgedichtet, das Dach repariert, Fenster und Scheiben eingesetzt haben, ähnliche Dinge, die wir hier auch gemacht haben in diesem Raum, und dann blieb es als eine dem Ensemble zur Verfügung stehende Probenstätte unter der Trägerschaft des Kulturhauses Mitte fast 25 Jahre erhalten. Was daran interessant war: Es wurde dort sehr ernsthaft gearbeitet. Sie trainierten intensiv, hatten drei Probentage in der Woche, was es in dieser sogenannten Zirkelarbeit kaum gab ... Die Rückerstraße war als Probebühne zunächst erst mal ein Ort, an dem sich viele Leute sammelten, und dann wurde es ein Platz von nicht unerheblichen ?Zusammenrottungen?. Schon im zweiten Jahr seiner Existenz begannen dort Vorstellungen. Das war die erste OFF-Bühne des Ostens. Die Pantomimenbühne Berlin spielte freitags 20 Uhr in diesem 4. Stock, Fabrikhinterhof, und es war eine ungemeine Sensation. Die Leute strömten in hellen Scharen hin, und es passierte wirklich jedesmal, daß wir einen Gutteil wieder nach Hause schicken mußten. Dann hatten wir so ein Vormerksystem, daß sie wenigstens am nächsten Freitag reinkonnten, so war meistens an einem Freitag der nächste Freitag schon voll. Das Spezifikum einer OFF-Bühne ist ja, daß sie gleichzeitig ein sozialer Kristallisationspunkt ist, ein authentisch theatergeprägter Platz, wo die Leute nicht nur hinkommen, um Theater zu sehen, erweiterbar um kleine Ausstellungen und anderes. Daß wir 1974 ans DT kamen, hatte auch was damit zu tun, daß man diesen immer größer und größer werdenden unübersichtlichen Haufen, wenn man es ganz grob sagen will, positiv zerschlagen wollte."
Von der OFF-Bühne zum renommierten "DT-Pantomimenensemble" - an seiner neuen Spielstätte war die Truppe leichter kontrollierbar: Zeitweise beaufsichtigten 13 Dramaturgen die zehnköpfige Sparte. Durch die Wende wurde das Problem auf eigene Art gelöst. DT und Pantomimen trennten sich, die Gruppe kehrte vorerst in ihre Probebühne in der Rückerstraße 4 zurück, und nach einiger Zeit des Suchens und später eigenhändigen Ausbaus der Räume in den Hackeschen Höfen hatte sich für das kleine Ensemble der Traum von einer eigenen Spielstätte erfüllt. Es würde zu weit führen, die alt-neuen Probleme zu schildern, mit denen das Genre Pantomime nach wie vor konfrontiert ist; zu weit, den Spaß beim Anhören und -sehen spöttisch-tiefgründiger Seidemannscher Schilderungen zu beschreiben - und das allerwichtigste, die Inszenierungen nämlich, soll man sowieso nicht beschreiben, sondern sehen: im zweiten der Hackeschen Höfe, Aufgang 5, Erdgeschoß.
Weit ausführlicher, als es ein Kapitel vermag, schildert übrigens das 1993 im Argon-Verlag erschienene Buch "Die Hackeschen Höfe" deren Geschichte und Gegenwart.


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