Gro├če Bauten, Szene & Geschichte
Die Oranienburger Straße

Vor allem um jeden Preis unterhaltsam sein wollende Medien waren es, die vorgaben, ab 1991 in der Oranienburger Straße den "Mythos Berlin", die "heißeste Adresse Berlins", mal das "neue Herz der Hauptstadt" und mal ein "neues Tollhaus" entdeckt zu haben. Der Stern deklarierte die Straße gar zur "schrägsten Meile von Berlin", die alternative taz zum "St. Pauli an der Spree".
Wahr ist, daß sich nach der Wende schnell vor allem bildende Künstler mit und ohne alternativen Anspruch sowie mehrere Kneipiers in den brachliegenden Freiräumen der Straße ansiedelten, leichte Mädchen aus Ost und West entdeckten den historischen Straßenstrich wieder und teilten ihn unter sich neu auf, teilweise scheint das am Anfang des Jahrhunderts pulsierende jüdische Leben in Ansätzen wiedererwacht. Die entstandene Mischung aus allem ergibt ein Flair, das schwer zu beschreiben ist. Das Image vom grauen Osten gehört dazu und der Charme alter, teils halbverfallener Häuserfassaden wie es scheint sogar aus Bauzäunen und Baugruben hervorgegangene wacklige Wege und Improvisationen. Über allem aber liegt der Hauch von Geschichte, die sich stellenweise wie Schichten verschiedener Sande überlagert: die Zeit der DDR, die Nazi-Zeit, die 20er Jahre, die Zeit nach der Reichsgründung von 1870/71 und viel Früheres.
Seit 1990 wird die Oranienburger von vielen Besuchern als ein marod-bizarrer Kick, als etwas unfertiges, teilweise laszives Ambiente empfunden, von dem viele glauben, daß es nur eine Mode, maximal ein paar Jahre, eine Übergangszeit lang dauern kann. Das Ambiente muß sich unweigerlich ändern, anderes wird bleiben.
Da, wo heute die für Berliner Verhältnisse breite Oranienburger liegt, begannen Bauleute 1694, den "Alten Spandauer Heerweg" zu pflastern, bis dato nur eine sandige Landstraße, die nach Spandau führte. 1740 wurde das Pflaster erneuert. Als Friedrich Nicolai 1786 Berlin als Residenzstadt ausführlich beschrieb, fand er besonders den nordwestlichen Teil der Straße schon völlig bebaut vor. Für die ganze Straße hielt er fest, daß an beiden Seiten Linden standen, in der Mitte wurde die Straße dominiert durch den rechter Hand liegenden Posthof, den Nicolai so beschrieb: "Ein weitläufiges Gebäude, zwey Geschoß hoch; wo die Postpferde und Postwagen zu den ordinären und Extraposten stehen." Das südliche Ende der Straße bestimmten der hintere Teil des bis zur Spree führenden Monbijou-Gartens und das Schloß Monbijou.
Garten, Schloss und Park: Monbijou


Zwischen der Spree und der Oranienburger Straße war schon Ende des 16. Jahrhunderts ein kurfürstlicher Garten angelegt worden, der jedoch im 30jährigen Krieg völlig vernachlässigt verwilderte und verfiel. Kurfürstin Dorothea, die ihn 1670 geschenkt bekam, legte ein Vorwerk an. 1689 fiel der Garten an die Kurfürstin Sophia Charlotte, nach deren Tode wurde er der Gemahlin des Grafen von Wartenberg übertragen, der Frau des Günstlings und Ersten Staatsministers am Hof von König Friedrich I. Sie beauftragte den Architekten Eosander von Goethe, ein kleines Lustschloß zu entwerfen. 1703 begann dieser, die gräfliche Aufgabe zu erfüllen und schuf bis 1710 den Kern des späteren Schlosses, das Zeitgenossen als prachtvoll und gelungen lobten. Über das weitere frühe Schicksal des Hauses ist bei Friedrich Nicolai zu erfahren: "Als der Graf 1710 in Ungnade fiel, wollte die Gräfinn das Lustschloß dem Könige unentgeldlich wiedergeben, der es ihr aber bezahlte, und es der damaligen Kronprinzessin und nachherigen Königin, Sophia Dorothea, zum Sommerpallaste schenkte. Diese ließ sowohl das Schloß als auch den Garten erweitern, und nennte beides Monbijou." Mein Juwel. Dieses Juwel der Frau des Soldatenkönigs glänzte freilich erst in der Fassung eines mehr als vervollkommneten Gartens, der später Laubengänge, diverse Springbrunnen, ein japanisches Lusthaus und ein römisches Bad vorzuweisen hatte. Zur Zeit von Friedrich II. wurde im Garten übrigens ein Springbrunnen eingebaut, dessen Fontänen von acht im Kreis gehenden Pferden in Gang gehalten wurden.
Nach dem Tod Sophia Dorotheas blieb das kleine einstöckige Schloß, dessen Haupt- und Schokoladenseite die zur Spree war, lange unbewohnt. Erst als der russische Zar Peter I. 1717 Berlin besuchte, wählte er sich als Quartier wegen der Stadtlage Schloß Monbijou. Sein Gefolge richtete offenbar ein Desaster im Schloß an, denn nach seiner Abreise war eine komplette Renovierung notwendig geworden, und die Tochter der Schloß-Eigentümerin, Wilhelmine, notierte: "... Dort herrschte die Zerstörung Jerusalems, alles war so ruiniert, daß die Königin fast das gesamte Haus neu ausbauen lassen mußte."
Friedrich II. beauftragte Knobelsdorff später, das Schloß für seine Mutter, die von ihm über alles geliebt wurde, umzubauen und zu verschönern. Nach deren Tod, so wollte es ihr Sohn, wohnte zum zweiten Mal eine lange Zeit, diesmal waren es mehr als drei Jahrzehnte, niemand im Schloß. Friedrich begründete seine Verfügung,


er habe "so viele Verehrung für meine verstorbene Mutter, daß ich nichts zerstören will, was mich irgendwie an sie erinnern kann".
Nach etlichen Jahren bezog die zweite Gemahlin von Friedrich Wilhelm II., Frederike Louise, in Monbijou Quartier, aber auch sie dürfte nicht viele glückliche Stunden dort verbracht haben, hatte sie doch bei ihrem Mann, der sich anderweitig amüsierte, nichts zu melden. Auch ihre Pagen dürften ihr nur wenig Trost gewesen sein. Einer von ihnen hieß übrigens Adalbert Chamisso, eigentlich Charles Adelaide, und trat 1796 als 15jähriger Sohn einer aus Frankreich ausgesiedelten und in Berlin Asyl suchenden Familie in die Dienste der Königin.
Im autobiographischen Vorwort von Chamisso über seine "Reise um die Welt" verliert er über seine Pagenzeit nur einen nichtssagenden Satz. Vertraut man sich jedoch dem Wissen und der Phantasie einer Carola von Crailsheim an, die in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts einen "Roman um Adelbert von Chamisso" schrieb, dann sah Chamissos Leben auf Monbijou so aus: "Merkwürdig war das neue Leben. Im Sommer wohnte die Königin in Niederschönhausen, im Winter in Monbijou. Nach Schönhausen reisten die Pagen ?per Maultierfuhren?. Adelbert lernte bei der Hoftafel zu servieren und der Königin den Stuhl zu rücken. Er lernte Schleppen tragen, die tägliche, den Pagen zugestandene Flasche Wein zu verwetten oder zu verschenken, und nur, wenn es unbedingt sein mußte, sie halb zu leeren."
Das wahrscheinlich mehr mußevolle als anstrengende Leben sollte für Chamisso keine Ewigkeit dauern, schon 1798 tritt er aus dem Schlosse ab und ein in den Kriegsdienst eines Berliner Regiments. Fünf Jahre später wird Chamisso seine Variante des "Faust"-Stoffes schreiben, ein weiteres Jahr vergeht, und der zusammmen mit dem Freund Varnhagen von Ense erstellte "Musenalmanach auf das Jahr 1804" macht Furore. Die Eingebung für eines seiner populärsten Gedichte, das über die alte Waschfrau, mag Chamisso vielleicht beim Anblick einer Frau erfahren haben, die er auf dem Weg zum Dienst in Monbijou in einem Hof mit einem Wäschekorb hantieren sah.

Du siehst geschäftig bei den Linnen
Die Alte dort in weißem Haar,
Die Rüstigste der Wäscherinnen
im sechsundsiebzigsten Jahr.
So hat sie stets mit saurem Schweiß
Ihr Brot in Ehr' und Zucht gegessen
Und ausgefüllt mit treuem Fleiß
Den Kreis, den Gott ihr zugemessen.
Sie hat in ihren jungen Tagen
Geliebt, gehofft und sich vermählt;
Sie hat des Weibes Los getragen,
Die Sorgen haben nicht gefehlt;
Sie hat den kranken Mann gepflegt;
Sie hat drei Kinder ihm geboren;
Sie hat ihn in das Grab gesenkt
Und Glaub' und Hoffnung nicht verloren.

Zur Erinnerung an Chamissos Tage im Schloß steht seit dem 29. Oktober 1888 - damals jährte sich sein Todestag zum 50. Mal - im Park Monbijou eine Büste, die Julius Moser aus spanischem Marmor arbeitete. Früher stand sie direkt an der Straße, heute etwas verborgen unter Bäumen am Parkeingang.
Im Tanzsaal des Schlosses feierte ein geladener vornehmer Kreis am 25. April 1819 eine musikalische Szenenbearbeitung von Goethes Faust, die faktisch die Uraufführung der wichtigsten Szenen des ersten Faust-Teiles darstellte. Zelter, der enge Freund des Olympiers aus Weimar, soll den Taktstock geführt haben. Goethe selbst war nicht anwesend, wohl aber sein Sohn August.
Ende des 19. Jahrhunderts wurde im Schloß ein Museum eingerichtet, das Möbelstücke und Gemälde der Hohenzollern ausstellte. Zwischen 1941 und 1943 entstand unweit vom Schloß ein Bunker. Seine Überreste sind noch heute existent. Nicht mehr jedoch Monbijou. Im zweiten Weltkrieg wurde das Schloß, in dem kaum eine der königlichen Besitzerinnen viele glückliche Stunden verbracht haben dürfte, von einer Bombe schwer getroffen. Vermutlich 1960 wurde die Fehlentscheidung getroffen, die Überreste abzureißen, denn wie es heißt, war Monbijou noch besser erhalten als das unweit gelegene Stadtschloß. Auch die Schriftstellerin Ina Seidel muß für das nahe ihrer Wohnung gelegene Schlößchen mehr empfunden haben, als man für eine bloße Attraktion normalerweise empfinden mag, schrieb sie doch am Anfang des 20. Jahrhunderts: "Ich liebte nicht nur den Park, auch das kleine Palais in seinem preußisch enthaltsamen Spätbarock erschien mir sehr reizvoll, es war in der Tat ein Bijou, ein Kleinod intimer Architektur. Prunkvoll wirkte nur das Portal am Eingang des Parkes. In beide Flügel waren Innenräume eingebaut, eine Pförtnerloge und eine Apotheke, und es war mit symbolhaften Statuen gekrönt."
Ungefähr an der Stelle, wo sich einmal das Schloß befand, wurde in den 60er Jahren ein kleines Bad für Kinder eingerichtet - zu DDR-Zeiten ein Gratisvergnügen, das viele Familien anzog.

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