Vor den Toren der Stadt
Die Spandauer Vorstadt

Spandauer Vorstadt: Wer kann schon etwas mit dem Begriff anfangen, wenn er nicht dort wohnt? Ach ... Sie meinen das Scheunenviertel? Oranienburger und Mulackstraße und so? Jaja, kenn' ich. Wirklich?

Fangen wir nüchtern an, die Geschichten kommen später: Spandauer Vorstadt - das ist das Gebiet zwischen Wilhelm-Pieck- (Torstrasse) und Dircksenstraße, zwischen Rosa-Luxemburg- und Friedrichstraße/ Ecke Oranienburger. Mit Spandau hat das Viertel also nichts zu tun. Sein Name erklärt sich aus der Tatsache, daß einige Wege des Viertels (so die heutige Oranienburger Straße), vom damaligen Stadtkern Berlin und Cölln aus gesehen, nach Spandau führten. Nach der Dorotheen- und der Friedrichstadt ist es das älteste in seiner Stadtstruktur noch erhaltene Viertel Berlins. Im Mittelalter Teil der Berliner Feldmark, befanden sich hier vor den Toren der Stadt Ende des 16. Jahrhunderts Gärten (u.a. ein kurfürstlicher Garten an der Stelle des heutigen Monbijouparks) und Äcker, die zum Eigentum der Kurfürstin Dorothea gehörten. Durch Königin Sophia Charlotta wurde der Acker geteilt und gegen einen jährlichen Grundzins verschenkt - später legten die Besitzer zusammen und kauften ihre Anteile. Nach der Feuerverordnung von 1672 wurden auch die Scheunenbauten der Berliner Bürger vor die Stadttore verlegt, in günstiger Entfernung zu den Ackerflächen der Feldmark im Norden. Die Scheunen befanden sich im nordöstlichen Teil der Spandauer Vorstadt, etwa am Rosa-Luxemburg-Platz.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts begann die Bebauung der Vorstadt, entstanden Teile der Großen Hamburger, der Sophien- und Oranienburger Straße und das Armenhaus am Koppenplatz. Die meisten Straßen wurden erstmals 1699 benannt. 1702 wurden auch die "morastigen Gänsepfühle" nahe der Oranienburger Straße zugeteilt und von den Besitzern ausgetrocknet und bebaut. Nach und nach nahm die Vorstadt an Einwohnern zu.
Der Straßengrundriß entwickelte sich etwa ringförmig zwischen den Ausfallstraßen, der heutigen Rosenthaler und der Oranienburger Straße, vor dem Spandauer Tor, dem jetzigen Hackeschen Markt. Die heutige Oranienburger Straße führte hinaus nach Spandau, die Große und Kleine Hamburger nach Neuruppin und Hamburg. Die Palisadenmauer, die das Stadtgebiet von Berlin und Cölln umschloß, verlief seit 1705 als äußerer Stadtring etwa entlang der Linienstraße. Sie wurde, nach der Abtragung der Stadtmauer um 1732, in die Akzisemauer einbezogen, die allerdings keinen Verteidigungswert besaß, sondern als Zollgrenze und Barriere für fluchtwillige Soldaten diente. Um 1780 wurde sie, als starke Mauer neu erbaut, vorverlegt zur heutigen Wilhelm-Pieck-Straße.
Die heutige Spandauer Vorstadt entspricht im wesentlichen der städtebaulichen Anlage des 18. Jahrhunderts. 1780 zählte man hier - laut Friedrich Nicolai - schon 1020 Vorderhäuser und 374 Hinterhäuser. Die Bevölkerungsstruktur veränderte sich im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung Berlins und des Ausbaus zur Residenzstadt: Hatten im 18. Jahrhundert noch vorwiegend Ackerbauern, Handwerker, Tagelöhner und Dienstboten hier gewohnt, so siedelten sich Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung neben Schiffbauern und Arbeitern der Woll- und Seidenmanufakturen auch viele Zuwanderer hier an. Zahlreiche soziale Einrichtungen, Schulen, Krankenhäuser und Gotteshäuser, entstanden infolgedessen im dichter und dichter besiedelten Gebiet.
Die Rosenthaler Straße teilt die westliche von der östlichen Spandauer Vorstadt. Um die Oranienburger Straße, an der sich bis zum 19. Jahrhundert Gärten erstreckten, aus denen im Zuge der Zeit Kaffee- oder prächtige Landschaftsgärten wurden, befand sich der gutbürgerliche, ja reiche Teil der Spandauer Vorstadt. Jenseits der Rosenthaler Straße dagegen entwickelte sich das Gebiet zur billigen Wohngegend für die Ärmeren und später auch zum Einwanderungsziel der Ostjuden, die vor Pogromen und Bürgerkriegen geflüchtet waren.
Obwohl im Zweiten Weltkrieg starken Bombardements ausgesetzt, überlebte die Spandauer Vorstadt mit relativ geringen Zerstörungen. Das Charakteristische, die kleinteilige Parzellierung, die engen Straßenzüge, die unregelmäßigen Grundstücke und verwinkelten Höfe, ist weitgehend erhalten geblieben. Seit 1990 ist die Spandauer Vorstadt das einzige Flächendenkmal Berlins, seit 1993 Sanierungsgebiet.


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