Vorwort

Dies ist kein Stadtteilführer im klassischem Sinne. Kein Reisebus im D-Zugtempo: Schauen Sie links, sehen Sie rechts. Es ist eher ein Versuch, ein Viertel aus einem persönlichem Blickwinkel heraus zu betrachten, sich Zeit zum Schlendern durch die kleinen Straßen zu nehmen.
Der Versuch, über ein auf seltsame Weise populäres Gebiet zu schreiben: Kaum ein anderes Berliner Viertel hat in den letzten Jahren solche Öffentlichkeit und Aufmerkasamkeit (vor allem der Medien und der Szene) erfahren wie die Spandauer Vorstadt. Über kaum eines existieren so viele Klischees und romantische Vorstellungen. Kurios daran ist, daß der Name des Medienlieblings dabei kaum bekannt ist. "Spandauer Vorstadt" - dieser Begriff dürfte den meisten nur ein Schulterzucken entlocken. "Scheunenviertel" lautet das Zauberwort - nur leider stimmt es so nicht.
Es geht um mehr als nur eine Begriffsklärung. Es geht um mehr als architektonische Details und den geheimnisvollen Ruch des Viertels in den 20ziger Jahren. Das Buch soll Geschichten erzählen, vergangene und gegenwärtige, vielleicht eher die alltäglichen als die spektakulären. Die, die hier wohnen, sollen selbst zu Wort kommen - wer kennt den Kietz besser als sie? Und vielleicht entdecken die Bewohner selbst das eine oder andere historische Detail, das ihnen neu und interessant ist ...
Das Viertel verändert sich täglich. So können die Gegenwartsgeschichten nur Momentaufnahmen sein, morgen selbst schon Geschichte. Auch die Wiedersprüchlichkeiten sollen ungeglättet bleiben, sie gehören zum Viertel wie zur Geschichte. Nicht alle Straßen sind aufgeführt: Das Buch leistet sich den Luxus, auf den Anspruch der Vollständigkeit oder Objektivität zu verzichten (dies als Warnung an professionelle Nörgler und Faktenfetischisten). Immobilienspekulanten und Berufstouristen mit Abhaksyndrom: Lektüre zwecklos. Aber wer bereit ist, sich auf ein Viertel und seine Details einzulassen auch unter der Gefahr, daß manche mystische Verklärung ein wenig ernüchtert wird, für den könnte das Buch eine Begleitung beim Schlendern sein.